Verkehrssicherheit durch Bewegung: Was die Regionalkonferenz Cottbus gezeigt hat
Am 12. Juni 2026 fand in Cottbus die Regionalkonferenz Süd des Brandenburgischen Netzwerks für Verkehrssicherheit statt. Unter dem Titel „Verkehrsunfallprävention durch Sport und Bewegung“ diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Verkehrssicherheitsarbeit, Polizei, Bildung, Sport, Verwaltung und Mobilitätsbildung über die Frage, wie sichere Mobilität künftig wirksamer gefördert werden kann. Rund 40 Fachleute brachten ihre Erfahrungen, Bedarfe und Perspektiven in den Austausch ein.
Für BIKE-FIT war die Teilnahme besonders interessant, weil die Veranstaltung genau diejenigen Themen in den Mittelpunkt stellte, die auch unsere tägliche Arbeit prägen: die Entwicklung von Fahrkompetenz, die Bedeutung motorischer Fähigkeiten und die Frage, wie Kinder sicher und selbstständig am Straßenverkehr teilnehmen können.
Verkehrssicherheit beginnt nicht erst bei Verkehrsregeln
Ein zentrales Ergebnis der Konferenz war die Erkenntnis, dass Verkehrssicherheit deutlich mehr umfasst als das Wissen über Verkehrsregeln.
Sichere Verkehrsteilnahme ist immer auch eine Frage von Bewegung, Wahrnehmung und Handlungskompetenz. Menschen müssen Informationen aufnehmen, Situationen einschätzen, Entscheidungen treffen und diese unmittelbar in Bewegungen umsetzen. Aufmerksamkeit, Koordination, Gleichgewicht, Reaktionsfähigkeit und Antizipation spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Die wissenschaftlichen Beiträge machten deutlich, dass genau diese Fähigkeiten trainierbar sind und eine wesentliche Grundlage für sichere Mobilität darstellen. Sport und Bewegung können deshalb die klassische Verkehrserziehung sinnvoll ergänzen und stärken.
Viele Kinder benötigen mehr Fahrpraxis
Besonders eindrücklich war die übereinstimmende Einschätzung vieler Teilnehmender, dass motorische Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen stärker gefördert werden müssen.
Bewegungsmangel, zunehmende Mediennutzung und fehlende Bewegungsräume erschweren die Entwicklung grundlegender Fähigkeiten. Gleichzeitig sind genau diese Fähigkeiten entscheidend für sicheres Verhalten im Straßenverkehr. Die Arbeitsgruppen betonten deshalb den Bedarf nach mehr Bewegungsangeboten und mehr praktischen Übungsgelegenheiten mit direktem Bezug zur Verkehrssicherheit.
Für uns bestätigt dies eine Beobachtung aus vielen Jahren Trainingspraxis:
Viele Kinder benötigen vor der eigentlichen Radfahrausbildung zusätzliche Fahrpraxis, damit sie grundlegende Bewegungs- und Fahrkompetenzen überhaupt entwickeln können.
Schule ist der entscheidende Hebel
Ein weiteres zentrales Ergebnis der Regionalkonferenz war die Forderung nach einer stärkeren Verankerung von Bewegung, Mobilitätsbildung und Fahrradtraining in Schulen, Kitas und Horten.
Die Arbeitsgruppen sprachen sich unter anderem aus für:
- mehr praktische Radfahrübungen,
- die stärkere Integration von Fahrradtraining in den Sportunterricht,
- die Nutzung von Hortangeboten für zusätzliche Trainingszeiten,
- die Entwicklung einheitlicher Qualitätsstandards,
- die stärkere Qualifizierung pädagogischer Fachkräfte.
Diese Ergebnisse decken sich unmittelbar mit den Erfahrungen aus dem BIKE-FIT Programm.
BIKE-FIT als strukturierter Lösungsansatz
Im Rahmen der Konferenz wurde BIKE-FIT als Praxisbeispiel vorgestellt. Das Konzept verbindet Bewegung, Mobilitätsbildung und Fahrtechniktraining zu einem systematischen Lernprozess. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche nicht nur auf die Radfahrausbildung vorzubereiten, sondern ihre Fahrradkompetenz langfristig zu entwickeln.
Dabei arbeitet BIKE-FIT als erstes Fahrradtrainingskonzept mit aufeinander aufbauenden und evaluierbaren Abschlussniveaus:
- SafeRider
- BIKE-FIT Bronze
- BIKE-FIT Silber
- BIKE-FIT Gold
Diese Stufen ermöglichen es, Kompetenzentwicklung sichtbar zu machen und Fortschritte nachvollziehbar zu dokumentieren.
Gerade vor dem Hintergrund der auf der Konferenz diskutierten Qualitätsstandards und Evaluationsanforderungen sehen wir hierin einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Fahrradtrainingslandschaft.
Gute Ideen treffen auf begrenzte Ressourcen
Die Diskussionen in den Arbeitsgruppen zeigten deutlich, dass es nicht an Engagement oder Ideen mangelt.
Vielmehr wurden folgende Herausforderungen immer wieder genannt:
- Personalmangel,
- fehlende Zeitfenster,
- begrenzte finanzielle Mittel,
- fehlende Materialien,
- unzureichende strukturelle Verankerung,
- mangelnde Einbindung von Entscheidungsträgern.
Eine zentrale Frage lautet daher zunehmend nicht mehr, ob zusätzliche Fahrradtrainings notwendig sind, sondern wer diese künftig durchführen soll.
Qualifizierte Coaches werden zum Schlüssel
Die Regionalkonferenz hat auch gezeigt, wie groß der Bedarf an qualifizierten Multiplikatoren ist.
Wer Fahrradtraining nachhaltig etablieren möchte, benötigt Menschen, die nicht nur Fahrrad fahren können, sondern auch über methodische, pädagogische und organisatorische Kompetenzen verfügen.
Aus unserer Sicht wird die Ausbildung qualifizierter Fahrradcoaches in den kommenden Jahren zu einer der wichtigsten Voraussetzungen für eine wirksame Verkehrssicherheitsarbeit werden.
Berlin zeigt, was möglich ist
Dass dieser Ansatz funktionieren kann, zeigt das Beispiel Berlin.
Dort wurde BIKE-FIT inzwischen an rund 60 Schulen etabliert. Etwa 200 qualifizierte Fahrradcoaches sorgen dafür, dass Fahrradtraining nicht als Einzelmaßnahme, sondern als dauerhafter Bestandteil schulischer Bewegungs- und Mobilitätsbildung umgesetzt werden kann.
Der entscheidende Erfolgsfaktor liegt dabei im Zusammenspiel von:
- qualifizierten Coaches,
- standardisierten Ausbildungsinhalten,
- geeigneter Ausstattung,
- klaren Kompetenzzielen,
- Unterstützung durch Verwaltung und Bildungspolitik.
So entsteht eine nachhaltige Kompetenzstruktur, die langfristig wirksam bleibt.
Verkehrssicherheit, Gesundheit und Mobilität gemeinsam denken
Ein weiterer wichtiger Impuls der Konferenz war die Erkenntnis, dass Fahrradtraining weit über die Verkehrssicherheit hinaus Wirkung entfalten kann.
Wer sicher Fahrrad fährt,
- bewegt sich häufiger,
- stärkt seine Gesundheit,
- gewinnt Selbstvertrauen,
- nutzt nachhaltige Mobilitätsformen häufiger,
- und bleibt oft langfristig körperlich aktiv.
Gerade deshalb sollten Verkehrssicherheit, Gesundheitsförderung, Sport, Bildung und Mobilitätsentwicklung künftig stärker gemeinsam betrachtet werden. Diese Verbindung wurde von vielen Teilnehmenden als großes Zukunftspotenzial beschrieben.
Fazit
Die Regionalkonferenz Cottbus hat eindrucksvoll gezeigt, dass Bewegung und Verkehrssicherheit eng zusammenhängen. Die Fachvorträge, Diskussionen und Arbeitsgruppen machten deutlich, dass die Herausforderungen bekannt sind und zahlreiche Akteure bereit sind, an Lösungen mitzuwirken.
Besonders deutlich wurde dabei:
- Kinder benötigen mehr Bewegungs- und Fahrpraxis.
- Schulen spielen eine Schlüsselrolle.
- Es braucht qualifizierte Coaches und verbindliche Qualitätsstandards.
- Nachhaltige Entwicklung entsteht durch Strukturen, nicht durch Einzelmaßnahmen.
- Verkehrssicherheit sollte gemeinsam mit Gesundheit, Bewegung und Mobilität gedacht werden.
Für BIKE-FIT war die Regionalkonferenz deshalb nicht nur ein Fachforum, sondern auch eine Bestätigung, dass systematische Fahrradtrainings und eine qualitätsgesicherte Coach-Ausbildung wichtige Bausteine für die Verkehrssicherheitsarbeit der Zukunft sein können.







